Gedenkrede von Jean Chaize
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Gedenkrede von Jean Chaize


Vor 67 Jahren fand hier an diesem Ort ein junger Franzose den Tod als Opfer der nationalsozialistischen Barbarei.

Es ist für mich eine große Ehre als Ihr Gast an dieser Gedenkfeier der Bürger von Langenau teilzunehmen.

Francis BIORET ist einer der 600 000 Franzosen, die Hitler aus dem besetzten Frankreich deportieren ließ, damit die deutschen Betriebe, deren Arbeiter an die Ostfront geschickt wurden, weiter funktionieren konnten. Die meisten von ihnen wurden zu harter Arbeit in Industrieanlagen, Stahlwerken, Bergwerken und großen Rüstungsfabriken eingesetzt.

40 000 sind nicht zurückgekehrt, gestorben an Krankheiten aus Mangel an medizinischer Versorgung, gestorben im Bombenhagel, gestorben in den berüchtigten Lagern der „Umerziehung zur Arbeit“, erschossen, geköpft wie die 13 Bahnarbeiter von Brandenburg, niedergemäht von der SS wie die 300 von der Dortmunder Lichtung am Karfreitag 1945, gestorben in den Kzs nach ihrer Verhaftung wegen Sabotage, antideutscher Umtriebe oder wegen ihrer Zugehörigkeit zu verbotenen religiösen Organisationen.

„Menschen, die nicht zur Herrenrasse gehören, zählen nicht“, so lautet der Grundsatz der nationalsozialistischen Doktrin. „In den besetzten Gebieten werden wir sie für uns arbeiten lassen bis zum letzten Mann“ erklärte Hitler im November 1941. So wurden  von 1941 bis 1945 über 6 Millionen Männer und Frauen aller von Deutschland besetzten Nationen in Ost und West auf das Reichsgebiet deportiert. Im Nürnberger Prozess wurde Fritz Sauckel, den man den „Sklavenhalter Sauckel“ nannte, dafür zum Tode verurteilt, dass er das größte Versklavungsunternehmen aller Zeiten organisiert hatte.

Die tragische Geschichte dieser grausamen Jahre in Blut und Feuer hat ganze durch die Vernichtung von Millionen von Männern, Frauen und Kindern verstümmelte Generationen geprägt. Eure Stadt ist von dieser gigantischen Katastrophe nicht verschont geblieben – wieviele in euren Familien mussten den Verlust des Vaters, des Gatten, des Verlobten beweinen? An diesem 13. April 1945, im Angesicht dieses Leichnams, der am Galgen hing, im Angesicht dieses Verbrechens der SS, hat ein innerer Protestzug begonnen, der uns heute zum Ort dieser Greueltat geführt hat.

Ich beweine die Toten, ich rufe die Lebenden dazu auf sich zu vereinen und eine Welt der Brüderlichkeit zu erbauen. In den Jahrzehnten seither hat die Verzeihung der Opfer, so wie auch die Reue der Kinder für die Verfehlungen ihrer Väter es möglich gemacht, diejenigen, die diese grausame Periode in der Geschichte unserer Völker durchlebt haben, sich anzunähern und in gegenseitiger Achtung zu vereinen. So erinnert seit über fünfzig Jahren an jedem Karfreitag vor dem vor dem gewaltigen Mahnmal, das in der Bittermarklichtung in Dortmud errichtet wurde, eine Gedenkfeier an das Massaker, das die SS an  den über 300 Zwangsarbeitern verübt hat, und man sammelt sich in der Krypta, wo ein unbekannter junger Franzose ruht, stellvertretend für all diejenigen, die auf dem Boden des großen Hitlerreichs gestorben sind.

Die Toten beweinen heißt die Lehren zu ziehen aus dem Tod dieser Opfer einer perversen Ideologie und sie an die neuen Generationen weiterzugeben.

Die Toten beweinen heißt sich an all die zu erinnern, die aus Vaterlandsliebe, aus moralischem oder religiösem Engagement die Ausgrenzung, die Versklavung, die Diktatur verweigert haben.

Dieser Aufruf zur Einigung und zur Erbauung eine brüderlichen Welt, der vor 50 Jehren von zwei visionären Staatsmännern, Konrad Adenauer und Charles de Gaulle ergangen ist und an den Anfang des Jahres in Berlin erinnert wurde, gilt für immer dem einzige Kampf, dem einzigen Ziel, das wir in unseren beiden Ländern ohne nachzulassen verfolgen müssen.

Das lebendige Erinnern an diese Zeit des Blutes und der Tränen versiegt von Tag zu Tag mehr; die Zeugen in unseren Ländern sterben aus. Die Gedenktafel, die Eure Stadt an dem Ort, wo Francis Bioret gestorben ist, anzubringen beschlossen hat, wird an diese dunkle Zeit erinnern, die manche der Anwesenden noch erlebt haben und die die späteren Generationen niemals vergessen sollen.

Menschen guten Willens arbeiten unablässig für eine brüderliche Welt. Demokratie entsteht und lebt nicht durch Worte, sondern dadurch, dass der Mensch in die Mitte gestellt wird. Die Aufgabe ist heute schwer; man muss den Materialismus überwinden, der aus dem Menschen einen nimmersatten Verbraucher  macht, einen Verbraucher, der auf einen Egoismus gepolt ist, der ihn dazu führt, seine Mitmenschen mit Füßen zu treten und allein für sich die Güter und Dienstleistungen der Gemeinschaft zu ergattern.

So entstehen die Keime einer Ideologie, wo nicht mehr der Mensch in der Mitte steht, sondern der Sklave im Dienst der Ideologie  und ihrer Bannerträger. Unsere beiden Nationen haben ein starkes gemeinsames jüdisch-christliches Erbe und der christliche Reichsgedanke hat unsere Geschichte geprägt. Die evangelischen und katholischen ebenso wie die demokratischen politischen Kräfte, die dem Naziregime mutig Widerstand geleistet haben, wurden zu engagierten Vorkämpfern der Annäherung unserer in der Vergangenheit so oft verfeindeten Länder, um für die neuen Generationen eine Zukunft des friedlichen Miteinander zu schaffen.

Der Friede ist immer gefährdet, solange sich immer noch Gruppen von Unbelehrbaren finden, welche die perverse Ideologie, die so viel Unheil angerichtet hat, auf ihre Fahnen schreiben.

Es liegt an jedem, an dem Platz, den er in der Gesellschaft innehat, in Stadt und Land, das kostbare Erbe des Friedens zu bewahren.

Es liegt an jedem, im Familienkreis die  sittlichen und religiösen Werte zu vermitteln und zu fördern, die nötig sind um Brüderlichkeit unter den Völkern festigen.

Es liegt an jedem, den Anderen in  seinem Anderssein, seinem Glauben, seiner Vergangenheit, seinen Traditionen zu respektieren. Sich im Anderssein annehmen um sich gegenseitig als ergänzend zu schätzen.

Es liegt an jedem, die kommenden Generation von früher Jugend an dazu auszubilden, in der Demokratie zu leben und die Regeln, die das gesellschaftliche Zusammenleben erleichtern, zu akzeptieren.

Allen jungen Menschen, die an dieser Veranstaltung teilnehmen, rufen wir zu: Werdet in euren Familien, in eurem gesellschaftlichen und beruflichen Leben hier in Langenau, zu Männer und Frauen mit dem unerschütterlichen Willen, eine Gesellschaft zu bauen, die gerecht ist und jedem Achtung entgegenbringt und so die Grundlage bildet für dauerhaften Frieden.

Das ist die Botschaft derer, die unter den finsteren Kriegsjahren gelitten haben, die Botschaft, die ich mit meine ganzen Kraft weitergeben möchte, auch vor dieser Gedenktafel, die an die zerstörte Jugend eines jungen Mannes von 20 Jahren, der zermalmt wurde vom Hochmut und vom Wahn derer, die etwas Höheres sein wollten als alle andern.

Dank sei Eurer Stadtverwaltung, dem Verein der Freunde von Francis Bioret, Dank sei Euch allen für Eure Einladung zur Teilnahme an der Erinnerungspflicht, die Euch ehrt. Indem Ihr an jedem Jahrestag dieses jungen Gewaltopfers gedenkt, fügt ihr Eurem Mahnmal für den Frieden ein Glied zu der Kette, die Euch mit all den deutschen Städten verbindet, die den Respekt vor der Würde aller Menschen in die Mitte ihres Gemeinwesens gestellt haben.

Mögen unsere beiden Länder Deutschland und Frankreich im Frieden leben.

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